Zur Inhaltsübersicht

6.6 Kurszielbestimmung

6.6.1 Warum Kurszielberechnung?

Aus zwei Gründen führt man Kurszielberechnungen durch:

1. Zur Auswahl der zukaufenden Aktien und
2. zur Bestimmung des richtigen Verkaufszeitpunktes.

      Wenn man die an der Börse gehandelten Aktien darauf untersucht, ob Kauf- oder Verkaufssignale vorliegen, so wird dies stets bei einer Vielzahl von Aktien der Fall sein. Unter den Aktien mit Kaufsignalen muß man auswählen, welche Aktie man kaufen will, und unter den Aktien mit Verkaufssignalen muß man auswählen, welche Aktien man leerverkaufen will. Man trifft die Auswahl in der Weise, daß man nur die Aktien kauft, die die größten Chancen für Kurssteigerungen haben, und daß man nur die Aktien leerverkauft, die die größten Aussichten auf eine kräftige Kurssenkung haben.
      Ist man eine Plusposition (Kauf) oder eine Minusposition (Leerverkauf) in einer Aktie eingegangen, so stellt sich die Frage, wann das Engagement glattgestellt werden soll. Häufig stellt sich nach einem Engagement eine Kursbewegung in die gewünschte Richtung ein, und der Kurs bewegt sich um 20, 50 oder 100% in die gewünschte Richtung. Dann aber kommt eine bedeutsamere Gegenreaktion, und man weiß nicht, ob man das Engagement beibehalten oder glattstellen soll. Deutet man die Gegenreaktion zunächst nur als technische Reaktion, so kann es leicht passieren, daß der ganze Gewinn aus dem Börsengeschäft wieder verlorengeht. Hat man Kursziele bestimmt, so hat man einen weiteren Anhaltspunkt (neben Verkaufssignalen) für den Verkauf der Aktien oder für eine Eindeckung bei Leerverkäufen. Trendwendesignale kommen in der Regel erst dann, wenn der höchste Punkt einer Aufwärtsbewegung oder der tiefste Punkt einer Abwärtsbewegung überschritten ist. Hat man feste Vorstellungen über Kursziele, so kann man das Engagement eventuell günstiger glattstellen.

6.6.2 Die Verwendung der Breite des Trendwendebereichs zur Kurszielbestimmung (Horizontal Count)

      Der Kurszielbestimmung mittels horizontalen Abzählens liegt die Hypothese zugrunde, daß das Potential der auf die Trendwende folgenden Bewegung um so größer ist, je länger die Phase der Konsolidierung im Trendwendebereich dauerte. Gibt es im Trendwendebereich eine größere Zahl von Auf- und Abwärtsbewegungen, so ist das Potential der darauffolgenden Kursänderungen groß, gibt es nur wenige Auf- und Abwärtsbewegungen, so ist das Kurspotential niedrig. Um eine objektive Regel zu haben, geht man von dem Kästchen aus, das das Kauf- oder Verkaufssignal gibt. Von der Säule aus, die das Kauf- oder Verkaufssignal gibt, zählen wir, ausgehend von einem Kästchen unter dem Kaufsignal bzw. einem Kästchen über dem Verkaufssignal, wieviele Säulen die links von dem Signal liegende Konsolidierungsformation umfaßt. Dabei ist es unerheblich, ob alle Kästchen mit Kreuzen oder Kreisen markiert sind oder ob einige Kästchen dazwischen leer sind. Man nimmt die Zahl dieser Kästchen, multipliziert sie bei einem Drei-Punkt-Umkehrchart mit drei, bei einem Fünf-Punkt-Umkehrchart mit fünf usw. Die so bestimmte Zahl gibt die Kästchenzahl an, die zum tiefsten Punkt der Kurskurve hinzugezählt wird, wenn eine Aufwärtsbewegung erwartet wird bzw. vom höchsten Punkt der Kurskurve abgezogen wird, wenn eine Abwärtsbewegung erwartet wird.
     Dies sei an den Beispielen Raychern Corp. (Abb. 6.4.1) und Pinnacle (Abb. 6.4.2) dargestellt.

6.6.3 Die Verwendung der Plötzlichkeit der Trendwende zur Kurszielbestimmung (Vertical Count)

      Die Kurszielbestimmung mit Hilfe vertikalen Abzählens beruht auf der Annahme, daß das Kursänderungspotential um so größer ist, je größer die Kursbewegung gewesen ist, die zum Ausbruch aus der Formation geführt hat. Man zählt die Zeichen der Säule ab, die zum Ausbruch geführt hat. Bei Drei-Punkt-Umkehrcharts multipliziert man diese Zahl mit 3. Die so gefundene Zahl wird von dem vorangegangenen Höchststand der Kurskurve abgezogen bzw. zu ihrem Tiefstand hinzugezählt.
      Hat man Fünf-Punkte-Umkehrcharts, so muß der Multiplikator kleiner sein als 3, da in einem Fünf-Punkt-Umkehrchart die Säulen länger sind und gegenläufige Kursbewegungen von weniger als fünf Punkten nicht berücksichtigt werden. In einem 11/2-Punkt-Umkehrchart muß der Multiplikator entsprechend größer sein als 3. Der Vertical Count findet sich nur bei Cohen [6.3], der ausschließlich Drei-Punkt-Umkehrcharts verwendet.
      Cohen hält den Vertical Countfür verläßlicher als den Horizontal Count. Der Nachteil des Vertical Count liegt darin, daß wir ihn nicht zur Auswahl unter verschiedenen Aktien, die ein Kaufsignal haben, verwenden können, da im Zeitpunkt des Kaufsignals noch nicht ersichtlich ist, welchen Umfang die Kursbewegung haben wird, die zum Ausbruch aus der Formation führt.

6.6.4 Bedeutung der Kursziele

       Welche Bedeutung kann nun das Erreichen eines Kursziels für das Glattstellen des Engagements haben? Die Abbildungen 6.4.1, 6.4.2, 6.4.3 und 6.4.4 zeigen bereits, daß Kurszielangaben alles andere als genau sind. Die Untersuchungen von Hockmann [6.4] zeigen aber, daß die Kurszielberechnung zumindest einen ungefähr richtigen Eindruck von der zu erwartenden Kurssteigerung vermittelt. Wenn wir mit einer Aufwärtsbewegung rechnen und der Kurs gibt vor Erreichen des Kursziels ein Verkaufssignal mit gleichzeitigem Durchbruch durch die Trendlinie, so sollten wir die Aktie aufjeden Fall verkaufen. Umgekehrt müssen wir die Aktie nicht unbedingt verkaufen, wenn das Kursziel erreicht ist, sich aber noch kein Verkaufssignal ergibt. Allerdings kann es dann sinnvoll sein, die Aktie zu verkaufen, sobald sich eine Trendumkehr anbahnt, also beispielsweise, wenn wir die ersten drei Punkte einer Abwärtsbewegung einzeichnen müßten. Man kann sich dabei auch stop loss orders [6.4] zunutze machen. Wird bei Raychem (Abb. 6.4.1) beispielsweise das Kursziel von 42 erreicht, so kann man eine stop loss order bei 39 geben. Das würde sich allerdings gegenüber einem Verkauf zum Kursziel zum Nachteil auswirken, da wir dann tatsächlich zu 39 verkaufen würden. Sind stop orders nicht möglich, so müßte man die Kurse ständig beobachten und einen Verkaufsauftrag geben, wenn der Kurs von 39 erreicht ist. Steigt der Kurs nun weiter, so bewegt man das Niveau der stop loss order nach oben. Im Beispiel von Pinnacle (Abb. 6.4.2) sehen wir für den Fall einer Abwärtsbewegung, daß diese Taktik erfolgreich sein kann. Haben wir die Aktie bei 27 leerverkauft und erwarten wir eine Kurssenkung bis 8, so hätten wir mit Erreichen dieses Kurses unser Ziel zunächst erreicht. Setzen wir nun eine stop-buy-Marke, die hier völlig willkürlich vier Kästchen sein soll, so würde diese bei 10 gesetzt. Der Kurs von 10 wird durch die Aufwärtsbewegung im November '89 nicht erreicht. Da die Kurse weiter sinken, wird die stop-buy-Marke sukzessive nach unten revidiert und eine Eindeckung kommt vier Kästchen über dem niedrigsten Kurs von 5 bei 7 Dollar zustande.

Zur Inhaltsübersicht