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13. Technische Analyse und Random Walk Theorie, Fortsetzung

    Nachdem Sie jetzt wissen, was Technische Analyse ist, wenden wir uns erneut der Frage zu, ob man davon ausgehen sollte, daß Kursbewegungen prinzipiell unprognostizierbar sind.
     Zunächst kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Formationen der Technischen Analyse nachprüfbare Konzepte sind. Point & Figure Charts können durch einen Computer interpretiert werden.[14.1] Zur Interpretation von Bar Charts bedarf es zwar der subjektiven Interpretation, es dürfte aber kein Zweifel bestehen, daß zwei Personen, die Technische Analyse studiert haben, Einigkeit über das Vorliegen oder Nichtvorliegen bestimmter Formationen erzielen werden. Der Vorwurf von Nagler[14.2] und Schmidt[14.3], die Analyse von Aktienkursformationen biete keine Möglichkeit der Falsifizierung, geht daher fehl.
      Levy [14.4] hat mit einem Computer von ihm so genannte Formationen getestet und ist zu einem negativen Ergebnis gekommen. Eine Anlage nach seinen Anlagekriterien wäre nicht profitabel gewesen. Nun braucht aber der Leser dieses Buches nur den Artikel im Journal of Business aufzuschlagen, um zu sehen, daß die von Levy getesteten "Formationen", die dort in einer graphischen Übersicht abgebildet sind, zwar Ähnlichkeit mit Formationen der Technischen Analyse haben, daß sie aber keine Formationen der Technischen Analyse sind. [14.5]
      Hockmann hat in dem zitierten Buch die Point & Figure Strategie durch einen Computer quantitativ getestet und kam zu einer, wenn auch bescheidenen, so doch deutlichen Überlegenheit der Technischen Analyse. Dabei ist Hockmann bei seinem Test von sehr ungünstigen Prämissen ausgegangen. Er hat einfach die Point & Figure Grundstrategie getestet, ohne den Versuch zu machen, Fehlsignale auszuschalten. Darüber hinaus hat Hockmann mit Spesen von 1,5 pro Transaktion gerechnet und mit einem Zinsfuß von Null in Zeiten, in denen aufgrund der Point & Figure Strategie das Geld nicht in Aktien anzulegen war. Bei bedeutenderen Anlagebeträgen dürfte es jedoch kein Problem sein, durch Verhandlung mit der Bank die Spesen auf 1% pro Transaktion zu senken, und in Zeiten, in denen das Geld nicht zur Aktienanlage verwendet wird, kann es verzinslich als Termingeld oder in Geldmarktfonds (money market funds) angelegt werden. Termingelder können in der Regel jederzeit zu Aktienkäufen verwendet werden, ohne daß von der Bank Strafzinsen berechnet werden, bei Geldmarktfonds von US-Brokern ist die jederzeitige Verfügbarkeit der Mittel selbstverständlich. Darüber hinaus hatte Hockmann keine historischen Charts zur Verfügung, d. h. er hat den Chart in dem Augenblick begonnen, in dem auch seine hypothetische Anlageperiode begann. Um eine Aktie nach der Point & Figure Analyse analysieren zu können, braucht man aber die Geschichte der Aktie mindestens der letzten fünf Jahre vor dem Anlagezeitpunkt. Nur dann kann man Trendlinien einzeichnen, und nur dann sieht man, in welcher Phase sich die Aktie gerade befindet.
      Welcker und Brutscher haben 1985 eine Point & Figure AnlageStrategie getestet[14.6], die sich an den in Kapitel 10 dieses Buches als Handelstaktik empfohlenen Regeln orientierte. Getestet wurden die Point & Figure Strategie mit und ohne Leerverkäufe im Vergleich zu einer Buy & Hold Strategie für die 30 im Dow Jones Industrial Index enthaltenen Aktien für die Periode 1. 1. 1976 bis 31.2.1983. Die Testmethode war so gewählt, daß die Point & Figure Strategie im Zweifel benachteiligt wurde; hohe Spesen (2% pro Transation) und keine Verzinsung liquider Mittel bei der Point & Figure Strategie. Die Point & Figure Strategien mit und ohne Leerverkäufe erbrachten über die Gesamtperiode wesentlich bessere Ergebnisse als die Buy & Hold Strategie (8,5% p. a. und 9,3% p. a. gegenüber 5,2% p. a.). Die Ergebnisse beziehen sich nur auf die Kursgewinne bzw. -verluste ohne die empfangenen Dividenden. Darüber hinaus erbrachten die Point & Figure Strategien im Zeitablauf ein sichereres Ergebnis als die Buy & Hold Strategie (Variationskoeffizienten der Renditen über verschiedene Anlageperioden waren niedriger).
     Wie ist es nun zu erklären, daß eine große Zahl von Akademikern der Random Walk Theorie anhängt und die Technische Analyse ablehnt?[14.7] Die meisten Tests zur Verifizierung der Random Walk Theorie sind darauf abgestellt, daß von einem bestimmten Zeitpunkt an die Kurse eine bestimmte Zeit lang beobachtet werden. Das Ergebnis der Kursänderung nach dieser festen Zeitperiode wird dann zum Maßstab dafür gemacht, ob die Random Walk Theorie zutrifft oder nicht.[14.8]
      In der Tat hat sich ergeben, daß man keinen wie auch immer gearteten Zusammenhang zwischen Kursen in einem Zeitpunkt und Kursen in einem späteren Zeitpunkt finden kann, aufgrund dessen man prognostizieren könnte, daß ein viertel oder ein halbes Jahr (also eine feste Zeitperiode) später die Kurse höher oder niedriger sein müssen. Das ist aber gerade nicht die Vorgehensweise der Technischen Analyse. Die Technische Analyse empfiehlt nicht die Anlage des Geldes über eine bestimmte Zeitperiode vom Auftreten eines Signals an, sondern sie empfiehlt die Anlage des Geldes von einem Kaufsignal bis zu einem Verkaufssignal und umgekehrt, also gerade nicht über eine bestimmte Zeitperiode.
      Alle diese Tests zur Random Walk Theorie beweisen nur, daß die Random Walk Theorie durch sie nicht widerlegt wird; sie beweisen aber nicht, daß die Random Walk Theorie gilt.[14.9] Die Tests von Hockmann und Welcker/Brutscher zeigen hingegen, daß die Random Walk Theorie nicht gilt. Daher bedürfte es einer Korrektur dieser Ergebnisse, wenn man die Random Walk Theorie weiter vertreten wollte.

Zum Abschluss ein Börsenspiel

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