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10. Handelstaktiken

Im folgenden soll die Handelstaktik zusammengefaßt werden, die in den vorangegangenen Kapiteln dargestellt wurde. [10.1]

1. Handeln Sie Aktien von Signal zu Signal, und geben Sie sich keine feste Zeitspanne für eine Spekulation vor.

2. Eine Aktie sollte nur gekauft werden, wenn eine Kaufformation vorliegt (bei der Point & Figure Analyse also nicht bei Vorliegen des einfachen Kaufsignals der Grundstrategie). Die Kaufformation sollte oberhalb einer Baisse-Widerstandslinie oder Baisse-Unterstützungslinie liegen, die sich in eine Baisse-Widerstandslinie gewandelt hat. Das Kursziel sollte mindestens einen Gewinn von 30% versprechen, bevor eine Aktie gekauft werden sollte. Eine Aktie sollte dann leerverkauft werden, wenn ein Verkaufssignal aufgrund einer Formation vorliegt. Das Verkaufssignal sollte unterhalb der Hausse-Unterstützungslinie oder unterhalb einer Hausse-Widerstandslinie liegen, die sich in eine Hausse-Unterstützungslinie gewandelt hat. Das Kursziel sollte mindestens einen Gewinn von 30% versprechen.

3. Wenn nach Kauf oder Leerverkauf einerAktie einVerlustvon 10% eingetreten ist, sollte das Engagement glattgestellt werden. Zu diesem Zweck kann man sofort Stop Orders geben.

4. Wenn nach einem Kauf drei Monate vergangen sind, ohne daß das Engagement ausgestoppt worden ist (Regel 3), und aber auch keine Kurssteigerung in Sicht ist, sollte das Engagement glattgestellt werden.

5. Für das Glattstellen der Position ergeben sich verschiedene Möglichkeiten:

- Wenn das Kursziel erreicht ist;
- bei Vorliegen des ersten Verkaufssignals nach Erreichen des Kursziels;
- nach Erreichen des Kursziels und einem Kursrückgang um x%;
- eine Plusposition bei einem Verkaufssignal und Durchbruch durch eine Hausse-Unterstützungslinie oder Hausse-Widerstandslinie, die sich in eine Hausse-Unterstützungslinie gewandelt hat, eine Minusposition bei einem Kaufsignal und Durchbruch durch eine Baisse-Widerstandslinie oder durch eine Baisse-Unterstützungslinie, die sich in eine Baisse-Widerstandslinie gewandelt hat.

6. Unter mehreren Möglichkeiten zu Aktienengagements sollten diejenigen ausgewählt werden, die entweder nach dem Horizontal Count oder nach dem Vertical Count die besten Gewinnmöglichkeiten versprechen. Aktien, die in der Vergangenheit häufig Fehlsignale zeigen, sollten gemieden werden.

7. Bei Aktienengagements sollte die Situation am Gesamtmarkt beachtet werden.

     Am schwierigsten ist die Regel zu beachten, daß das Engagement glattgestellt werden sollte, wenn ein Verlust von 10% eingetreten ist. Das hat psychologische Gründe: Wenn man eine Aktie kauft, so ist man positiv zu dieser Aktie eingestellt. Tritt nun ein Verlust von 10% ein, so glaubt man aufgrund der positiven Einstellung zu der Aktie, daß der Kursverlust nur vorübergehend sein wird und daß die Aktie sich wieder erholen wird. Man neigt dazu, die Aktie zu behalten. Diese Neigung ist deshalb so stark, weil der Verkauf der Aktie bei einem Verlust von 10% unter Umständen unmittelbar nachdem Aktienkauf bedeuten würde, daß man sich selbst einen Fehler eingesteht. Dies muß jedoch nicht den Tatsachen entsprechen. Kaufsignale aufgrund der Technischen Analyse beruhen stets auf einem Wahrscheinlichkeitsurteil. Man hat also von vornherein gewußt, daß eine Kurssteigerung nicht mit Sicherheit zu erwarten war. Tritt nun das Unwahrscheinliche ein, so hat man keinen Fehler gemacht, sondern man hat Pech gehabt. Erfahrungsgemäß fällt es den Menschen sehr schwer, den Zufall anzuerkennen: Haben Sie Glück, so neigen sie dazu, das günstige Ergebnis ihren besonderen Fähigkeiten zuzuschreiben, haben sie Pech, so läßt sich im nachhinein stets eine Handlungsalternativefinden, die das ungünstige Ergebnis vermieden hätte, und die Entscheidung stellt sich somit als Fehler dar. Üblicherweise ist man objektiver, wenn man fremde Gelder verwaltet. Arbeitet man mit eigenem Geld, so sind die Emotionen wesentlich stärker. Daher sei besonders der mit eigenem Geld Spekulierende darauf aufmerksam gemacht, daß die Einhaltung der Regel 3 unabdingbarer Bestandteil einer Handelstaktik aufgrund der Technischen Analyse sein sollte.
      Automatisch erfolgt die "Glattstellung" bei einem Verlust von 10%, wenn man nicht Aktien, sondern Optionen kauft. 6-Monats-Optionen kosten in der Regel um 10% des Kurswertes der Aktie. Tritt die erwartete Kursentwicklung nicht ein, so ist das Engagement mit dem Verlust des Optionspreises beendet. Zwar mindert sich im Gewinnfall gegenüber dem Aktienkauf der Gewinn um den Optionspreis; dafür hat man das Engagement aber bei einer vorübergehenden ungünstigen Kursbewegung um mehr als 10% auch noch nicht beenden müssen, wie das nach Regel 3 eigentlich geschehen müßte. Kauft man mit 10% seines Kapitals Optionen und legt die restlichen 90% des Kapitals in Obligationen, als Festgeld oder in einem Geldmarktfond an, so hat man ungefähr dasselbe Risiko, wie wenn man das ganze Kapital in Aktien angelegt hätte. Gerade für den Techniker sollte daher der Kauf von Optionen als Alternative zum Kauf oder Leerverkauf von Aktien stets erwogen werden. Die dargestellte Strategie entspricht einer Portefeuille-Versicherung, bei der 100 % der Mittel in Aktien angelegt sind, abzüglich eines Betrags, der zum Kauf von so vielen Verkaufsoptionen erforderlich ist, wie zur Absicherung der Aktien nötig sind.
       Bei der Auswahl von Aktien, in denen man sich engagiert, sollte man Aktien meiden, die in der Vergangenheit häufig Fehlsignale produziert haben. Bei solchen Aktien ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, daß auch das aktuelle Signal ein Fehlsignal ist. Charts haben nämlich charakteristische Eigenschaften. Wer häufig Charts betrachtet, wird feststellen, daß bestimmte Formationen, etwa Baisse-Umkehrformationen oder Dreifachspitzen, bei einzelnen Aktien gehäuft auftreten; das gleiche gilt für Fehlsignale.
      Die Regel, daß die Situation am Gesamtmarkt beachtet werden sollte, gibt keine konkrete Handlungsanweisung. Zur Beurteilung der Situation des Gesamtmarktes werden mindestens 50 verschiedene Indizes verwendet, von denen nur die m. E. wichtigsten beschrieben worden sind. Das macht die Gesamtmarktbeurteilung relativ schwierig. Techniker machen sich eine Liste von den verschiedenen Indizes und rubrizieren, ob die Mehrzahl der Indizes auf eine Hausse oder auf eine Baisse hindeutet. Letztlich bleibt aber die Vorhersage von Trendwenden des Gesamtmarktes eine Sache von "Gurus" wie zum Beispiel Granville. Der einzige Autor, der in diesem Punkte konkrete Angaben macht, ist Blumenthal [10.2], er stützt sich auf den NYSE Bullish Percentage (Abb. X:X:).
       Wenn die Baisse durch diesen Index bestätigt ist, sollen Käufe nur getätigt werden, wenn eines der Kaufsignale vorliegt, die in Kapitel 6.2.2 behandelt sind (Dreifachspitzen), und wenn gleichzeitig eine Baisse-Widerstandslinie oder eine Baisse-Unterstützungslinie, die sich zur Baisse-Widerstandslinie gewandelt hat, nach oben durchbrochen worden ist. Die übrigen Kaufsignale sollen in einem Baisse-bestätigten Markt ignoriert werden. Umgekehrt sollen, wenn die Hausse bestätigt [10.3] ist, nur die hier als Dreifachböden (Kapitel 6.2.2) bezeichneten Signale als Verkaufssignale gelten.
      Es ist nicht ersichtlich, aufgrund welcher Erfahrungen diese Empfehlungen gegeben werden, und der Autor dieses Buches ist nicht in der Lage, sie zu beurteilen.
      Seit den Aufsätzen von Elliott in der Financial World (1938) vertreten manche Börsianer eine Theorie über die Bewegung des Gesamtmarktes, die als "Elliott Wave Principle" bekannt ist. Sie scheint aber dem Verfasser dieses Buches nicht operationalisierbar zu sein, so daß auf ihre Darstellung verzichtet wird. [10.4]

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