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3.2 Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)

    Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), engl. Price-Earning-Ratio (PER), wird als einer der wichtigsten Indikatoren für die Veränderung des Aktienkurses gesehen. Das KGV gibt den Betrag an, den die Aktienkäufer für 1 DM Gewinn pro Jahr des jeweiligen Unternehmens zahlen. Aktien mit einem unterdurchschnittlichen Branchen-KGV gelten als unterbewertet, also als vergleichsweise günstig, Aktien mit einem hohen KGV dagegen als überbewertet, also teuer (Kritik zu dieser Bewertung s. auch schluss).

3.2.1 Ermittlung

     Der Aktienkurs ist eine zeitpunktbezogene Größe, während der Gewinn eine zeitraumbezogene Größe darstellt. Die Gewinne des laufenden Jahres lassen sich naturgemäß nicht genau bestimmen. Wie in solchen Fällen üblich, werden die Werte der vergangenen Periode in zukünftige extrapoliert. Als objektive Gewinnprognose dient also der Gewinn der letzen Periode. Die Gewinnermittlung erfolgt nach DFVA/SG (s. 2.4.1). Das Kurs-Gewinn-Verhältnis wird nach folgender Formel bestimmt:

     Das KGV gibt also an, wie oft der Gewinn in dem Kurs enthalten ist. Den Zusammenhang den diese Verhältniskennzahl beschreibt wird klarer, wenn man die unter 3.1.2 hergeleitete Formel zu rate zieht:

Aus           folgt:

    Demnach ist das KGV der reziproke Zinssatz unter der Annahme einer konstanten Gewinnerwirtschaftung und eines unendlichen Betrachtungszeitraumes einer Unternehmung. Das KGV ist der Kehrwert der Verzinsung, den man bei dem heutigen Kurs (Present Value)für den Gewinnstrom der Unternehmung erhält. Es wird also über die Verzinsung erfasst, ob der gegenwärtige Kurs für den zukünftig erwarteten Gewinnstrom zu hoch oder zu niedrig ist. Je niedriger das KGV umso höher ist der Zinssatz den man für das eingesetzte Kapital erhält. Diese Überlegungen können auch für andere Verhältniskennzahlen aufgestellt werden (KDV, KCV etc.). Der Kehrwert dieser Zahlen ist die Rendite der Aktie z.B. auf der Basis der Gewinne (bzw. für das KDV auf der Basis der Dividende; oder bei Betrachtung des KBV auf Grundlage der Buchwerte).3.6

3.2.2 Interpretation

    Die KGVs differenzieren sehr betrachtlich, z.B. Bayer, VW, Daimler. Daher werden üblicherweise Aktien der selben Branche herangezogen. Aber auch innerhalb einer Branche wird "manchen Aktiengesellschaften ein höheres KGV zugebilligt wird als anderen Unternehmen".3.7 Die Unternehmensunterschiede innerhalb einzelner Branchen sind jedoch nicht vernachlässigbar, so dass diese Art eines Vergleiches wenig sinnvoll erscheint (vgl. 5.2.1 für eine korrekte Berechnung eines Vergleichswertes).
            Ein anderes gängiges Verfahren ist der Vergleich des aktuellen KGV mit dem langfristigen historischen Durchschnitt des KGV einer Unternehmung. Dieser Vorgehensweise dürfte jedoch aufgrund der isolierten Unternehmensbetrachtung noch zweifelhafter als der oben erwähnte Vergleich sein. Ein Vergleich der Unternehmung mit konkurrierenden Gesellschaften bleibt völlig aussen vor. 3.12
    Neben der bereits erwähnten Problematik der Gewinnermittlung gibt es noch weitere Hürden bei der Berechnung des KGV. "Wenn bei einer Aktiengesellschaft über ein oder mehrere Jahre Verluste oder minimale Gewinne anfallen versagt das KGV-Konzept, da die Grösse entweder extrem hoch oder sogar negativ wird."3.8
    Auch Substanzwerte müssen bei der KGV-Betrachtung gesondert interpretiert werden. Sie zeichnen sich durch relativ hohe KGVs aus. Ihr Kapitalmarktkurs berücksichtigt, dass bei einem Verkauf die hohen Substanzwerte realisiert werden können (z.B. Versicherungstitel: Allianz, Münchner Rück).
    Ein weiterer Grund für hohe KGVs sind enorme Wachstumswerte. Die hohen wachstumsraten der Umsätze oder Gewinne der Vergangenheit werden in die Zukunft übertragen. Diese über dem Marktdurchschnitt liegenden Werte lassen kaum noch Aussagen über eine Unter- bzw. Überbewertung der Titel zu. Dies kommt bei Neuemissionen des sogenannten "Neuen Marktes" noch deutlicher zum Vorschein. Trotz bereits hoher KGVs setzt oft eine stürmische Aufwärtsbewegung ein (z.B. EM.TV).
    Von besonderem Interesse für den Anleger sind jedoch die zukünftigen KGVs. Die Gewinne der darauffolgenden Perioden sind naturgemäß noch schwieriger zu schätzen als die der laufenden. Der beschriebenen dynamischen Entwicklung versucht das dKGV ( vgl. 4.5 und 4.6) Rechnung zu tragen.
    Die volatile Stärke einer Aktie fliesst bei einer reinen KGV-Betrachtung nicht mit ein. Die Höhe der Realzinsen (verändert den Aktienpreis für jedes gegebene Gewinnniveau) und der Inflationsrate (beeinflusst den realen Wert der Gewinne) als auch die Unternehmensspezifischen Eigenschaften (z.B. Story, Marktstellung) bleiben, wie auch bei anderen fundamentalen Ansätzen aussen vor. Somit kann das KGV nicht als vernünftiger Bewertungsmaßstab dienen.
    "Eine weitere Problematik, die Kurs-Gewinn-Verhältnisse nicht verarbeiten, ist das Ausmaß des Risikos bei der Erwirtschaftung der erwarteten Gewinne."3.9 Nach der Finanztheorie wird ein höheres Risiko auch mit einer höheren Erwartungsrendite vergütet. Folglich wäre der Aktienkurs niedriger einzuschätzen und somit auch das KGV.
    Fleischer zeigt, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen KGV und Aktienkurs gibt. Das KGV alleine spielt also für die Kursprognose keine wesentliche Rolle.3.10
    Auch der Versuch durch einen KGV-Vergleich zu bestimmen, ob ein Aktienmarkt unter- oder überbewertet ist, versagt aufgrund der vielfältigen Interpretations- und Berechnungsmöglichkeiten.3.11